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Gewaltspiele: Interview mit Roland Näf

  Global 

Roland Näf:

Ja, ich schätze kulturelle Werte. Aber seien wir vorsichtig mit dem Begriff Kunst. Erlauben Sie mir ein wenig Polemik: Auch eine filmisch und grafisch hochwertige Darstellung von Kindesmissbrauch könnte die Freiheit der Kunst für sich in Anspruch nehmen. Oder wie wär's mit einem Game Juden-Vergasung mit einer grafisch hochklassigen und historisch perfekten KZ-Kulisse? Auch Kunst? Wo sind denn Ihre Grenzen von Kunst? Eine wesentlich andere Funktion messe ich der Gewalt in literarischen Werken bei. Sie reflektiert menschliches Gewaltverhalten und trägt damit nicht selten zur Prävention bei. Bleibt es bei sinnlosen, blutrünstigen Darstellungen von Massenschlächtereien, handelt es sich nicht um Literatur und der Text hat keinen kulturellen Wert.

Zum Beispiel in Bezug auf GTA4 weisen viele erwachsene Gamer auf die hohe graphische Qualität mit künstlerischem Anspruch und Ansätzen zu Ironie hin, welche aus ihrer Sicht die Gewalt relativieren. Nach meinen Erfahrungen mit Jugendlichen und vielen Erwachsenen entwickeln diese aber keine psychologische Distanz, wie das viele erwachsene Gamer für sich geltend machen. Aus meiner Wahrnehmung sollten wir vorsichtig sein, von unseren eigenen Reaktionen und Gefühlen auf andere Menschen zu schliessen, insbesondere auf junge Männer mit einer Biographie voller Risikofaktoren.

(Anmerkung der Redaktion: Es gab in der Vergangenheit bereits KZ-Manager-Spiele, die in Deutschland beschlagnahmt, also verboten, wurden. Die Möglichkeit des Erhaltes eines Kunstprädikats ist unter diesen Umständen nicht gegeben.)

GBase:

Jede Woche finden sogenannte LAN-Partys statt, auf denen sich zum Teil Hunderte von Spielern treffen und mit Gewaltspielen gegeneinander antreten. Wie können Sie es sich erklären, dass es bisher noch nie negative Zwischenfälle auf solchen Veranstaltungen gab, obwohl es dort von gewalthaltigen Spielen nur so wimmelt? Sind Sie sich des sportlichen Potentials von Gewaltspielen bewusst, bei denen die Gewaltdarstellung in den Hintergrund tritt, aber Kooperation und Teamwork gefordert sind?

Roland Näf:

Wie gesagt, ich habe gar nichts gegen LAN-Partys, wenn Gewalt draussen bleibt. So etwas würde ich sogar mitorganisieren. Aber es braucht ganz bestimmt keine grausame Gewalt, damit sportliches Potential ausgeschöpft wird und sich die Teilnehmer in Kooperation und Teamwork üben können. Die psychische Veränderung durch Killergames ist ein längerer Prozess, der sich nicht direkt nach einer LAN-Party in Verhaltensänderungen manifestiert. Aus der Sicht der Forschung ist der Faktor Zeit entscheidend, nämlich das tagelange und jahrelange Trainieren von grausamen Handlungen.

Verhaltensänderungen sind komplexe Vorgänge und ihr Verständnis überfordert Gamer, die mit Wut auf meine politische Arbeit reagieren, und zwar mit dem Argument, selber noch niemanden umgebracht zu haben. Ich kann es nicht genügend wiederholen: Allein durch ein Killergame wird niemand zum Mörder. Erst das Zusammenspiel mit weiteren biographischen Faktoren erhöht das Risiko, zum gefährlichen Gewalttäter zu werden. Das dürfte auch bei der Gewalttat von Buchs am 1. Juni der Fall gewesen sein. Sie finden den entsprechenden Bericht hier.

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Ettore Trento am 09 Jun 2008 @ 00:13
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