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The Walking Dead: Special

  Personal Computer XBOX 360 

The Walking Dead ist eine vor allem in den USA erfolgreiche Comicreihe, die 2003 debütierte und seit 2010 auch als Live-Action-Fernsehserie ausgestrahlt wird. Adventure-Spezialist Telltale Games hat sich die Versoftungsrechte am Zombie-Drama gesichert und ein ungewöhnliches, sehr cineastisches Action-Adventure entwickelt. In diesem Artikel nehmen wir die aktuellen und künftigen Episoden des Spiels unter die Lupe.

Rahmenhandlung

Angesiedelt in der Gegenwart, beleuchtet die Hintergrundgeschichte von The Walking Dead das Überleben einiger US-Amerikaner nach einer weltweiten Pandemie. Die vermutlich in einem Labor gezüchtete Seuche lässt Menschen sterben und kurze Zeit später als untote Infektionsträger wiederauferstehen, die nach dem Fleisch Lebender gieren und nur durch schwere Gehirnverletzungen endgültig ins Jenseits befördert werden können. Einmal gebissene Menschen erleiden einen langsamen, qualvollen Tod und gesellen sich danach selbst zur zahlenmässig weit überlegenen Zombie-Schar.

In Comic und Serie ist Ex-Polizist Rick Grimes einer der Hauptdarsteller. Er ist der Anführer einer Gruppe Überlebender und muss sich nicht nur mit Untoten, sondern auch mit Neidern und Machtbesessenen in seinem Umfeld herumärgern. Durch die Seuche ist es nahezu unmöglich, sesshaft zu werden. Ständig muss man auf der Hut sein, weil das eigene Lager wieder mal überrannt werden könnte oder verfeindete Menschengruppen in die Quere kommen. Ein ruhiger Schlaf ist genauso selten geworden wie tägliche Körperhygiene und ausgewogene Ernährung. Und wenn wieder mal ein geliebtes Gruppenmitglied getötet wird, droht die geringe Moral endgültig zu versiegen. The Walking Dead ist somit keine klassische Zombie-Metzelorgie, sondern in erster Linie ein packendes Drama mit überraschenden Wendungen und schonungslosen Gewaltdarstellungen, die auch vor Kindern nicht Halt machen. Beim Spiel konzentriert sich Telltale Games allerdings auf eine Nebenhandlung, die parallel zur Vorlage spielt, aber grösstenteils andere Personen und Ereignisse thematisiert.

Episode 1: A New Day

Wir übernehmen die Geschicke von Lee Everett, der beim Beginn der Pandemie gerade als verurteilter Mörder in einem Streifenwagen sitzt und in ein Gefängnis eskortiert wird. Ein Untoter läuft auf dem Highway vor das Auto, lässt es von der Strasse abkommen und schwer verunglücken. Als Lee wieder zu sich kommt, liegt er verletzt und immer noch mit Handschellen gefesselt in dem Wrack. Erste Amtshandlung ist also die Befreiung des zweifelhaften Helden. Irgendwie schaffen wir es aus dem Auto heraus. Ein paar Meter weiter liegt der tote Körper des Polizisten - er hat sicher die Handschellenschlüssel bei sich. Wir schleppen uns mit Beinverletzung also mühsam zu ihm, gelangen an die Schlüssel.

Nun setzt einer der vielen Quick-Time-Events des Spiels ein. Nachdem wir uns von Handschellen befreit haben, wird der Cop wieder lebendig und reisst uns zu Boden. Am Auto lehnt eine Schrotflinte. Wir kriechen langsam hin, greifen via Maus zur Waffe und haben dabei den bedrohlich näherkommenden Untoten im Blick. Lee prüft den Ladezustand des Gewehrs - leer! Neben uns liegt eine Patrone - wir greifen nach ihr und wollen sie einsetzen, doch wieder macht uns die Nervosität einen Strich durch die Rechnung. Die Patrone fällt auf den Boden. Noch einmal müssen wir mit dem Mauszeiger danach greifen - der zweite Ladeversuch klappt. Der gierige Schlund des lebenden Kadavers ist jetzt vor uns. Ein grosses Fadenkreuz erscheint, mit dem wir möglichst auf den Schädel des Angreifers zielen müssen. Ein Mausklick später ist der Kopf des Zombies Brei - wir sind vorerst in Sicherheit.

Solche Situationen werden extrem cineastisch präsentiert und laufen nahezu automatisch ab. Nur die Kontrolle des Mauszeigers obliegt uns und entscheidet über Leben und Tod des Protagonisten. Manchmal gilt es aber auch, Tasten in schneller Abfolge mehrmals zu drücken - etwa, wenn Lee im Clinch mit einem Zombie steckt. Kommt es zum Ableben, wird Lee vor unseren Augen zerfleischt. Danach setzt uns das Spiel an den Anfang des Kampfes zurück. Zeitweise bietet The Walking Dead gar Schleichpassagen. Deckungen nutzen, Zombies in der Umgebung beobachten, an leise Tötungswerkzeuge gelangen und die Viecher dann ohne Lärm ausschalten.

In ruhigeren Momenten geht das Spiel aber in eine klassischere Richtung. Dann steuern wir Lee aus Sicht einer dritten Person via Richtungstasten durch die Umgebung und suchen via Mauszeiger nach Hotspots. Das ist mühsam, da wir die Kamera nur sehr eingeschränkt bedienen können, die Perspektiven häufig automatisiert wechseln und das Anvisieren von interaktiven Objekten oft erst beim zweiten oder dritten Anlauf funktioniert. Die Hotspots sind nämlich sehr winzig gehalten, können sich dadurch gerne mal unserer Aufmerksamkeit entziehen. Eventuell ist das so gewollt, denn es hat schon etwas Spannendes an sich, in einer lebensbedrohlichen Situation zu einem rettenden Gegenstand greifen zu wollen, doch seinen Hotspot erst mit Verzögerung zu erreichen. Zumindest in den ruhigen Adventure-Passagen, in denen wir etwa Müsliriegel für unsere Begleiter suchen, wäre aber eine präzisere Steuerung und übersichtlichere Kamera wünschenswert. Sonst fühlt sich das Ganze zu sehr wie ein Wimmelbildspiel an.

Ein Kernpunkt von The Walking Dead ist die beeinflussbare Handlung. Jede unserer Entscheidungen verspricht einen spürbaren Einfluss auf künftige Episoden. Kurze Zeit nach unserem Autounfall treffen wir auf ein Mädchen namens Clementine, das einsam in seinem Baumhaus verweilt, seit die Seuche ausbrach. Es rettet uns mit einem Hammer den Arsch, als wir das verlassene Haus der Eltern durchsuchen, vom ehemaligen Babysitter angegriffen werden und auf einer Blutlache ausrutschen. Im letzten Moment können wir das Werkzeug greifen und der wandelnden Leiche den Schädel einschlagen. Nicht ein Mal, sondern gleich drei Mal schlagen wir auf den Kopf des Zombies ein, bis er Matsch ist. Das Spiel lässt das zu, setzt es gar stellenweise voraus. Als Kenner der Serie wollen wir aber sowieso auf Nummer sicher gehen und es nicht darauf ankommen lassen, das Mistviech nur bewusstlos geschlagen zu haben.

Solche Handlungen sind es, die den weiteren Spielverlauf bestimmen. Aber nicht nur solche. Clementine und andere Personen, auf die wir später treffen werden, verwickeln uns regelmässig in Dialoge und stellen uns Fragen, die wir innerhalb eines sehr knappen Zeitlimits beantworten müssen. Wollen wir mit dem Mädchen noch tagsüber losziehen und Hilfe suchen? Oder warten wir bis Mitternacht im sicheren Baumhaus und schlagen uns in der Dunkelheit durch? Erzählen wir jedem dahergelaufenen Überlebenden von unserer mörderischen jüngeren Vergangenheit? Riskieren wir es, als Lügner Sympathiepunkte zu verlieren? Retten wir bei einem Zombie-Angriff den Sohn eines Farmers? Oder konzentrieren wir uns darauf, einen kleinen Jungen aus den Fängen der Untoten zu befreien? All das bestimmt in erster Linie, welche Personen uns gegenüber loyal eingestellt sind. Die Schauplätze sind so oder so festgelegt, nur der Weg dahin nicht. Aufgabenstellungen können sich latent ändern, Freund- und Feinschaften entwickeln. Der Wiederspielwert ist hoch - erst recht wenn man bedenkt, dass sich dieser Entscheidungsfaden durch alle künftigen Episoden ziehen wird.

Dank der grossartigen Präsentation steht das Spiel der Serie in nichts nach. Fast fühlen wir uns wie in einem interaktiven Zeichentrickfilm für Erwachsene - auch dank der Cel-shading-Grafik, die keineswegs bunt, sondern bedrohlich-authentisch wirkt und mit grossartig modellierten Charakteren und Zombies überzeugt. Letztere sind so gut inszeniert, dass sie wirklich direkt der Serie entstammen könnten. Fast kann man ihren fauligen Gestank wahrnehmen. Und die Lebenden überzeugen mit glaubwürdiger Mimik und Gestik. Die englische Sprachausgabe ist lippensynchron und hoch professionell. In passenden Momenten kommunizieren die Charaktere flüsternd miteinander. Manchmal sind Entscheidungen und Handlungswendungen so emotional, dass wir einen Klos im Hals bekommen. Etwa, als wir vor der Wahl stehen, einer infizierten Frau mit einer Knarre den Freitod zu ermöglichen und in den letzten Sekunden ihres Lebens bei ihr zu bleiben.



Fazit von Daniel Boll (PC)
Als Fan der Serie war ich skeptisch, ob die auf humoristische Adventures spezialisierte Spieleschmiede Telltale Games den Stoff adäquat umzusetzen weiss. Ich bin überrascht, geradezu begeistert, wie gut das in der rund zweistündigen Debüt-Episode funktioniert hat. Ein interaktives Cel-shading-Drama, grossartig präsentiert und vertont. Ein "Spielfilm" im wahrsten Sinne des Wortes, in dem lieb gewonnene Charaktere jederzeit auf grausame Weise ums Leben kommen können. Entscheidungen, die ich unter Zeitdruck treffe, haben oft unmittelbaren Einfluss auf den weiteren Verlauf. Ich kann's kaum erwarten, meine Geschichte weiterzuspielen und wieder ein Teil des bedrohlichen Walking Dead-Universums zu werden. Ich würde mir lediglich wünschen, dass künftige Episoden über eine bessere Maus- und Kamerabedienung verfügen.

PC-Zocker müssen leider in den sauren Apfel beissen und sich gleich die komplette Staffel des Spiels zulegen. Die Episoden werden nicht einzeln verkauft. Skeptiker warten also lieber noch ab, bis wir zumindest Episode 2 unter die Lupe genommen haben. Dann lässt sich absehen, ob das Qualitätsniveau des Debüts gehalten wird.

Fazit von Stefan Vogel (Xbox 360)
Mich hat die erste Episode von The Walking Dead komplett überrascht. Ich habe mich nach der Ankündigung gefragt, wie Telltale Games aus einem Zombie-Comic beziehungsweise einer Zombie-Serie ein interessantes Point 'n' Click-Adventure machen könnte. Würden sie es schaffen, die Action und eine bedrohliche Atmosphäre in ein eher ruhiges Genre zu portieren? Ja! Sie bieten nicht einen coolen Comiclook, sondern fangen auch noch die Spannung der TV-Serie ein. Die erste Episode hat einen tollen Eindruck hinterlassen, und wenn die Entwickler so weitermachen, haben wir ein sehr interessantes Spiel vor uns, das neue Massstäbe im Genre setzen könnte.

Deutsche Xbox 360-Besitzer werden aufgrund der Gewaltdarstellungen wieder mal aussen vor gelassen. Die USK erteilte zwar eine Ab-18-Freigabe, doch werden die Episoden wegen Microsofts Jugendschutzpolitik nicht auf dem deutschen Xbox Live Arcade-Marktplatz veröffentlicht.

Nachtrag: Das Spiel ist inzwischen auch auf dem deutschen Marktplatz erhältlich. Da die USK-Prüfung auf Basis der englischen Version stattfand, ist davon auszugehen, dass es sich um eine unzensierte Fassung handelt.

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Daniel Boll

 
Daniel Boll am 09 Jul 2013 @ 11:31
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